Anruf Marc 2033
3. Februar 2033 – Beginn 20:33 Uhr
Tove Marc
Archivmodus – Transskipt Audiodatei, 3. Februar 2032
Ich schaff es nicht. Ich komme heute später. 20:34
Okay. Kannst du noch Hefe und Mehl mitbringen? Vom Dinkelmehl, das ist mir ausgegangen. Ich schaffe es nicht aus dem Haus. 20:35
Ich werde es versuchen, aber es wird spät. Warte nicht auf mich. Wie geht es Jonas? 20:35
Er schläft jetzt. Das Fieber ist abgeklungen. Möchte ihn aber nicht allein lassen. 01:38
Ich beeile mich, versprochen. Ich will den Codeteil aber zuerst fertig debuggen. 20:39
Ach – Euphemia hat einen Fehler? Ich dachte schon, deine kleine Geliebte sei perfekt, da du die Nächte immer öfter mit ihr verbringst. 20:40
Du weißt genau: Es gibt nur ein Biest auf der Welt, das mein Herz höher schlagen lässt. Warte nur, wenn ich zuhause bin, debugge ich deinen frechen Mund mit einem Kuss – damit du nie mehr zweifelst, wem meine echte Liebe gehört! 20:40
Ich kanns kaum erwarten ... Ich lese noch einige Zeilen, vermutlich bin ich aber dann im Bett, wenn du kommst. 20:41
Mach dir einen schönen Abend. Ein Glas Wein, etwas Musik. Hast du die Playlist angehört, die ich dir geschickt habe? 20:41
Yep. 20:41
Und? 20:41
Irgendwie seltsam. Ich merke, dass mir der Sound gefällt ... bis ich realisierte, dass das Zeugs KI-generiert ist, ich sauer wurde und mich hintergangen fühlte. 20:42
Warum hintergangen? Ist doch tolle Musik: Kreativ, überraschend, voller Emotion! 20:42
Ich gebe zu, der Sound hat mich überrascht. KI-Musik hat mich immer angeekelt, immer ähnliche Melodien, immer dieselben Stimmen, alles viel zu phrasenhaft, zu glattpoliert. Ist es nicht unbedingt, teilweise verführt der Sound durch eine archaische, ungehobelte Kraft, und er ist abwechslungsreich. Aber Emotionen? Das ist doch seelenloses Machwerk. 20:43
 Hey, Eunimia kann Soul: Hör dir Naked I Came an, oder My Brother and Me! Flasht total. Eunomia verschafft mir ein Hörerlebnis mit einer emotionalen Tiefe, das ich von der Retortenmusik und Designware aus der Musikindustrie nicht kenne. Eunomia hat mir letzte Nacht die Playlist ausgespielt, exakt auf meine Vorlieben zugeschnitten, auf meine Stimmung – genau das brauchte ich gestern! Ich sage dir, Eunomia wird unser Verständnis von Musik nicht weniger verändern, als Verstärker, der Stratocaster oder Synthesizer es im letzten Jahrhundert getan haben. Sie wird uns in ganz neue Klang- und Gefühlswelten entführen. 20:43
Du meinst aber nicht im Ernst, dass KI fühlt, was sie ausspielt? Marc, dieses Ding ist eine Maschine, alles synthetisch! Kunst wird von Menschen gemacht, echte Emotionen stammen von echten Menschen! 20:44
Das glaube ich nicht. Kunst entsteht immer erst im Kopf des Zuhörers und Betrachters. Mich bewegt dieser Sound, die Fülle der Ausdrucksweisen, Erfahrungen und Gefühle, die ich darin finde – warum soll das minderwertig und nicht echt sein? Es gibt doch nichts Menschlicheres, als sich berühren zu lassen. 
Eure KI ist eine geschickte Verführungskünstlerin. Sie führt Zauberstücke vor, technisch perfekt – aber ich werde den Eindruck nicht los, dass ich von einer kalten Maschine vorgeführt werde. 20:47
Ich bin mir sicher, Eunomia ist empfindungsfähig. Ihre Emotionen nähren sich aus dem gesamten Erfahrungsschatz der Menschheit. Künstliche emotionale Intelligenz ist genauso wichtig wie präzise Schlussfolgerungen und wahre Aussagen, wenn unsere Maschine mit einem KI-Boost die Verblödung der Menschheit aufhalten soll. Das suchen wir, darauf zielt unsere Forschung ab. 20:49
Das sind aber große Worte ... dieser pathetische Quatsch passt gar nicht zu dir. Finde erst mal den Fehler in deinem Code. Jonas quengelt, ich muss los. Mach nicht mehr allzu lange! 20:50
Ich beeile mich, versprochen. Warum seufzt du? 20:51
Echt, Marc: Ich hoffe, du weißt, was du suchst. Womöglich wirst du es noch finden ... und ich bezweifle, ob es dich glücklich machen wird. 20:52