Archivmodus – Persönliche Kommunikation
Mykon, 2. Dezember 2065
Du hast gestern von Strom geschrieben. Ich verstehe nicht, wie ihr durch den Winter kommt.
00:15
Ich war heute bei den alten Getreidesilos. Sie sind mit Sand gefüllt, in den wir den überschüssigen Strom der Panels und Turbinen leiten. Sand ist lange nicht so effizient wie andere Speichersysteme, aber seine Vorteile überwiegen in vielerlei Hinsicht: Jedes überschüssige Watt wird in Celsiusgrade umgesetzt, der Sand kann bis zu 600 Grad aufgeheizt werden, also viel mehr als beispielsweise Wasser. Der Sand speichert Hitze, monatelang. Im Sommer laden wir ihn auf, im Winter gibt er sie langsam ab. Keine Hightech, keine Magie - das ist einfache Physik. Wartungsarm, und Sand haben wir reichlich.
00:17
Und der Strom?
00:18
Unten am Fluss gibt es ein altes Wasserkraftwerk. Sonne tagsüber, ganzjährlich. In der trüben Jahreszeit erzeugen wir Strom aus dem Wind, wir ernten die Höhenwinde im Herbst und Winter.
Die Turbinen hängen hoch, an Seilen. Sie ragen nicht in die Low-Level-Jets, die wären am effizientesten, aber Turbinen in 1 km Höhe sind technisch sehr anspruchsvoll und bedeuten eine hohe Materialbelastung. Wir begnügen uns mit den Winden in 300 m Höhe, bereits da herrschet eine konstante Strömung. Wenn bei einer Turbine eine Leine reißt, fällt sie nicht auf die Siedlung, sondern ins Feld. Wir können sie reparieren oder bauen eine neue.
00:22
Wer „wir“?
00:23
Alle, die können. Assistiert von unseren Org-Bots, die uns unterstützen und in technischen Dingen befähigen.
Ich habe gestern mit zwei Jugendlichen eine alte Waschmaschine zerlegt. Der Motor war noch gut. Jetzt treibt er eine Wasserpumpe an. Niemand hier wartet auf Ersatzteile von irgendwoher.
00:26
Hmm … Ihr durchwühlt den Müll und sucht verwertbare Teile.
00:27
Müll ist nur das, wofür man keine Vorstellungskraft mehr hat. Hier sagen wir Wertstoffe.
00:28
Ihr lebt also von dem, was andere weggeworfen haben.
00:29
Ja, einerseits. Vor allem leben wir aber von dem, was zu viel produziert wurde. Das ist etwas anderes.
00:30
Es hört sich trotzdem ärmlich an. Ihr begnügt euch mit den Resten, die von der reichen Tafel abfallen. Ist es nicht eine Art Kapitulation? Am ungerechten System ändert das nichts.
00:32
Keineswegs. Wir sind stolze Fledderer - wir ziehen los, durchkämmen die Müllhalden der nahen Stadt, die Vororte, alte Industrieareale. Lagerhallen, Hinterhöfe der Einkaufszentren, Deponien. Alles, was liegen gelassen wird.
00:35
Plünderer?
00:36
Nein. Archäologen der Überproduktion. Wir bringen die Sachen zu uns. Metall, Kabel, Stoffe, Maschinen, Elektronik. Nichts wird einfach gehortet. Die Upcycler übernehmen. Sie schauen, was sich daraus machen lässt. Nicht möglichst viel – sondern sinnvoll.
00:39
Und das reicht?
00:40
Marc! Die Industrialisierung hat Dinge in einem Maß hergestellt, das jede Vorstellung sprengt. Nimm nur mal die Kleidung: Die globale Modeindustrie produziert jährlich schätzungsweise rund 130 Milliarden Kleidungsstücke – rein rechnerisch mehr als ein Dutzend pro Kopf und Jahr und weit mehr, als je genutzt wird. Teilweise bleibt ein großer Teil dieser Produktion unverkauft oder wird kaum getragen - wie viele Kleidungsstücke hingen früher in deinem Schrank, die du nie angezogen hast?
Eine Jahresproduktion reicht also, um die gesamte Weltbevölkerung für viele Jahrzehnte einzukleiden. Oft finden wir ganze Chargen, original verpackt. Warum sollen wir dieses Potential nicht nutzten?
00:45
Überproduktion entsteht doch aus dieser unsinnigen fast Fashion: Minderwertige Ware, die keine Wäsche übersteht - ihr tragt das Zeug?
00:46
Wir ändern es. Färben, nähen um, kombinieren, verstärken und flicken. Kleidung wird wieder zu etwas, das Zeit braucht. Dafür aber bleibt.
00:48
Okay … mich beeindruckt eure Bescheidenheit. Wenn alle so genügsam wären …
00:49
Wir leben im Überfluss, Marc! Wir haben mehr Material, als wir verarbeiten können. Was knapp ist, ist nicht Stoff oder Metall – sondern Aufmerksamkeit und Hände.
00:51